Die dunkle Seite des Ehrenamts

Die TAZ (Wochentaz): Essay von Albert T. Lieberg

Alle Jahre wieder kommt zu Weihnachten und Neujahr der Appell, sich unentgeltlich für den Nächsten einzusetzen. Das Ehrenamt als Nothelfer – Armutszeugnis eines perfiden Gesellschaftsentwurfs?

Der Staat, unsere Gesellschaft gibt jedes Jahr hunderte von Milliarden Euro aus, nimmt astronomische Kredite auf – unter anderem für Autobahnen, Zugverkehr, Waffenproduktion, künstliche Intelligenz, Experimente im Weltraum, Förderung der Unterhaltungs- und Videospielindustrie und vieles Wunderbare mehr. Aber um jedem Mitbürger die Teilnahme an einem würdigen Leben zu garantieren, dafür sind die Kassen knapp, dafür haben wir kein Geld. So appellieren unsere Staatsoberhäupter im Gewand der Moralapostel zu jedem Weihnachtsfest, zu jedem Jahreswechsel, man solle sich doch unentgeltlich für den Nächsten einsetzen – um Notlagen abzufedern. Hallo, geht’s noch?…